Heilung entdecken, Elternsein neu erleben

Vor Kurzem war ich auf einer Tagung, bei der viele Geschichten über Kindheitstraumata geteilt wurden. Ich denke, wir alle können das auf die eine oder andere Weise nachempfinden – entweder aus eigener Erfahrung oder weil wir jemanden kennen, der so etwas erlebt hat. Was viele nicht wissen, ist, dass wir oft die Wunden unserer eigenen Kindheit unbewusst mit uns herumtragen. Früher ging man davon aus, dass diese prägenden Phasen etwa bis zum dritten Lebensjahr enden. Heute weiß man, dass sie bis zum achten Lebensjahr entscheidend für unsere geistige, soziale, emotionale und körperliche Entwicklung sind.

Wir alle haben auf die eine oder andere Weise Verletzungen erfahren - JA, es gibt positive Erfahrungen, aber leider auch negative. Was mich während des Retreats besonders bewegte, obwohl es nicht speziell um Erziehung ging, war, wie viele unserer Verletzungen uns daran hindern, unsere von Gott gegebene Bestimmung zu leben. Manche dieser Wunden rühren von wiederholten Lügen her, die uns erzählt wurden, andere von einer einzigen verletzenden Bemerkung, die immer noch in unseren Herzen nachklingt. Oft sind es auch unausgesprochene Erwartungen, wie ein Vater oder eine Mutter „sein sollte“, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und unser Verständnis von Familie und Liebe prägen. Diese Muster - manche positiv, andere zutiefst fehlerhaft - werden so zu einem Teil unseres Erbes.

Wer schwere Traumata erlebt hat, weiß, wie wichtig Heilung ist. Aber es gibt auch eine andere Seite, über die selten gesprochen wird: die verborgenen Wunden, die wir mit uns herumtragen, weil wir uns scheuen, uns ihnen zu stellen. Wir fürchten uns vor dem, was wir entdecken könnten, davor, tiefer zu gehen und uns Gefühlen zu öffnen, die so lange im Verborgenen waren, dass sie uns unsichtbar erschienen. In meinem Fall war es so, dass ich diese Scheu gar nicht als solche wahrgenommen habe, weil sie so tief verborgen war, dass ich nicht einmal wusste, dass sie existiert.

Vielleicht hast du das Gefühl, dass du keine großen Probleme hast—du kommst irgendwie über die Runden. Es läuft nicht super, aber es reicht, um zu funktionieren. Überschaubar—ja, das ist das richtige Wort. Ich war fest überzeugt, dass meine Herausforderungen überschaubar waren und dass nur ich sie allein bewältigen konnte. Kennst du das Gefühl?

Der Gedanke „Ich schaffe das allein, in meinem eigenen Tempo, ohne Hilfe von anderen“ ist mir nur allzu vertraut. Es gibt uns ein Gefühl der Kontrolle und lässt das Leben einfacher erscheinen. Oft denken wir, dass wir gut zurechtkommen, aber in Wirklichkeit überleben wir nur - wir heilen nicht.

Im Laufe der Jahre haben wir viele Menschen auf ihrem Weg zur inneren Heilung begleitet, und dabei ist uns die Haltung des „Mir geht’s gut“ immer wieder begegnet. Sie ist eine Möglichkeit, das Eintauchen in tiefere Emotionen zu vermeiden, sich selbst einzureden, dass alles unter Kontrolle ist. In Wirklichkeit ist das jedoch nur ein weiteres Verdrängen des Schmerzes, das den Einfluss der Wunden nur verstärkt. Wir halten die Wut in Schach, unterdrücken die Tränen und drücken die Traurigkeit nach unten, während wir uns selbst weismachen, dass das eben das Leben ist.

Aber das ist keine echte Freiheit. Es ist eine Form der Selbsterhaltung, die uns in Mustern der Unterdrückung gefangen hält und uns glauben lässt, dass wir „in Ordnung“ sind, solange wir alles zusammenhalten. Wir fangen an, die Lüge zu akzeptieren, dass gelegentliche emotionale Ausbrüche, Traurigkeit oder Selbstkritik normal sind - Dinge, mit denen wir uns arrangieren können. Vielleicht sagen wir uns: „Es ist nicht so schlimm“ oder „Andere haben es schlimmer“ und machen weiter, während die Last in uns immer schwerer wird.

Wahre Freiheit beginnt, wenn wir aufhören, den Schmerz zu "verwalten", und anfangen, ihn loszulassen - anzuerkennen, dass wir Hilfe brauchen, und Gott in die verborgenen Bereiche einzuladen, denen wir ausgewichen sind. Der Heilungsprozess ist nicht einfach, aber er beginnt, wenn wir aufhören, uns etwas vorzumachen, und den Lügen ins Gesicht sehen, die uns gefangen halten.

Mit diesem Schritt verlassen wir den Überlebensmodus und beginnen zu leben. Nimm dir einen Moment Zeit und frage den Heiligen Geist: Geht es mir wirklich gut? Gibt mir die Kontrolle, die ich um meinen Schmerz herum aufgebaut habe, wirklich Freiheit oder ist sie nur ein engeres Gefängnis?

Es ist völlig in Ordnung, nicht in Ordnung zu sein. In dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir nicht in Ordnung sind, kann Heilung beginnen. Wenn wir offen zugeben, dass wir kämpfen, geben wir dem Heiligen Geist die Möglichkeit, in uns zu wirken, unsere Wunden zu heilen und uns zu wahrer Freiheit zu führen. Schließlich hat Jesus es am besten gesagt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1). Er sehnt sich danach, dass wir in Fülle und Freiheit leben, ohne die Last ungeheilter Wunden mit uns herumzutragen.

Diese Heilung ist nicht nur für dich - sie ist auch für deine Familie und die kommenden Generationen. Sie ist ein Vermächtnis. Deine Kinder, deren Kinder und die Generationen, die nach ihnen kommen, sehnen sich danach, dass du mutig den ersten Schritt machst und die notwendige Arbeit in Angriff nimmst. Die Auswirkungen Deiner Heilung werden im Laufe der Zeit spürbar sein und die Herzen und das Leben Deiner Familie auf eine Weise formen, die Du vielleicht gar nicht vollständig verstehen kannst.

Wenn du dich entscheidest, dem Schmerz ins Gesicht zu sehen, die Kontrolle loszulassen und dem Heiligen Geist zu erlauben, Heilung zu bringen, veränderst du nicht nur dein eigenes Leben. Du sprengst die Ketten, die deine Familie jahrelang gefesselt haben. Du schreibst die Geschichte neu und schaffst ein neues Erbe der Freiheit, der Gnade und der Hoffnung für diejenigen, die in deine Fußstapfen treten.

Stell dir die Freiheit vor, die du für deine Kinder und deine ganze Familie bahnst - die Möglichkeit, ohne die gleichen Lasten aufzuwachsen und nicht von den alten Wunden gezeichnet zu sein. Stattdessen werden sie von Ganzheit, Liebe und der Fülle der Gnade Gottes geformt. Dein Mut wird zum Fundament deiner Familie und zu einem Vermächtnis der Stärke, das über Generationen hinweg Bestand haben wird. Ja, sie werden ihre eigenen Herausforderungen haben, weil wir alle noch unvollkommen sind und uns in einem Prozess des Wachsens und Lernens befinden. Aber indem du ihnen zeigst, dass es nicht darum geht, alles perfekt zu machen oder so zu tun, als wäre alles in Ordnung, lehrst du ihnen etwas viel Stärkeres.

Du zeigst ihnen, dass es immer mehr gibt - mehr Freiheit, mehr Heilung, mehr Gnade - und dass es ganz normal ist, um Hilfe zu bitten oder jemanden an seiner Seite zu haben, der einen auf dem Weg unterstützt.

Wir haben unseren Kindern beigebracht, dass es eine große Stärke ist, das, was sie zurückhält, zu erkennen und es Gott anzuvertrauen.

Jeder Schritt, den du auf deinem Weg der Heilung machst, ist ein Geschenk für deine Lieben. Du zeigst ihnen, dass wahre Freiheit möglich ist. Du kämpfst nicht nur für deine eigene Seele - du kämpfst für ein Vermächtnis der Heilung, der Liebe und der Gnade, das deiner Familie für Generationen Segen bringen wird.

Es ist unglaublich kraftvoll zu sehen, wie jemand seinen Weg zur Heilung annimmt. Aber es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, wie viele Menschen unter einer Last leiden, die sie niemals hätten tragen dürfen. Glaube mir, ich kenne diesen Kampf - ich war selbst dabei. Aber die Erfahrung der Freiheit hat in mir den tiefen Wunsch geweckt, anderen zu zeigen, dass auf der anderen Seite so viel mehr auf sie wartet. Ich wünschte, ich könnte dir zeigen, was dort auf dich zukommt, aber das kann ich leider nicht. Was ich aber tun kann, ist, die Zeugnisse vieler, die diesen Weg gegangen sind, mit dir zu teilen und dich daran zu erinnern, dass es der Heilige Geist ist, der uns wirklich vorwärts bringt. Er hat das auch bei mir getan - und es war der perfekte Zeitpunkt.

Es gibt keinen Grund zur Eile; lass ihn einfach dein Herz öffnen! Jahrelang haben Freunde uns ermutigt, innere Heilung zu suchen, aber es hat lange gedauert, bis wir endlich den ersten Schritt gemacht haben. Jetzt können wir kaum verstehen, warum wir gezögert haben - außer aus Angst vor dem Unbekannten und der Ungewissheit, was uns erwarten würde.

Was hat der Heilige Geist gesagt, als du ihn gefragt hast, ob es etwas gibt, das du heilen musst? Wie hat sich das angefühlt? War es etwas, was du schon wusstest oder etwas Neues? Ich liebe es, wie er alles miteinander verbindet, und diese Aha-Erlebnisse sind unbezahlbar. Wir erleben sie oft in unseren Heilsitzungen und sie verlieren nie an Wert, sie bleiben für uns von unschätzbarem Reichtum.

Seit bald zwei Jahrzehnte geben wir Erziehungskurse und haben erst kürzlich erkannt, wie wichtig es ist, innere Heilung in unsere Arbeit einzubeziehen. Viele Eltern, die unsere anfänglichen Werkzeuge verstanden, blieben oft in ihrer eigenen Erziehung gefangen. Diese bisherigen Erfahrungen hinderten sie daran, Erziehung neutral oder positiv zu betrachten und hielten sie in negativen Mustern gefangen. Selbst wenn sie die Konzepte intellektuell verstanden hatten, verhinderten ihre früheren familiären Erlebnisse, das Gelernte vollständig zu verinnerlichen und anzuwenden.

Ein Beispiel, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: Eine Mutter, die an unseren Kursen teilnahm, hatte Schwierigkeiten, das Konzept von Konsequenzen in der Erziehung zu akzeptieren. Wir erklärten ihr, dass Konsequenzen Kindern helfen, die Folgen ihres Handelns zu verstehen, und dass sie liebevoll eingesetzt werden können, um Verantwortung zu lehren. Aber sie war sehr zurückhaltend. Als sie ihre Geschichte erzählte, wurde klar, warum. Sie erzählte von ihrer Kindheit, in der ihre Mutter sie stundenlang im Zimmer oder im Keller einsperrte und ihr das Essen verweigerte. Diese traumatische Vergangenheit bildete eine unsichtbare Barriere für sie. Es fiel ihr schwer, ein Konzept zu akzeptieren, das in ihrer Kindheit so heftig missbraucht worden war. Jegliche Form von Grenzen oder Konsequenzen erschien ihr missbräuchlich, da sie dies nie in einem liebevollen Kontext erlebt hatte.

Ein weiteres Beispiel ist die Mutter, die ihrem Ehemann nur schwer vertrauen kann, wenn es um die Betreuung der Kinder geht. In ihrem Elternhaus wurden Männer oft als unfähig dargestellt, und ihre Mutter behandelte ihren Vater respektlos. Diese Erfahrungen haben ihr Bild von Männern geprägt und es ihr schwer gemacht, ihren eigenen Mann als kompetenten Vater wahrzunehmen.

Oder der Mann, der mit einem strengen Vater aufwuchs, der Perfektion forderte. Diese Erwartung war der einzige Weg, um eine Verbindung zu seinem Vater herzustellen. Jetzt kämpft er mit einem Kind, das diese hohen Standards nicht erfüllt. Wut steigt in ihm auf, und die Vorstellung, sein Kind liebevoll anzusprechen, erscheint ihm fremd.

Vielleicht hast du insgeheim Zweifel, ob deine Ehe Bestand haben wird. Du sagst es nicht laut, aber tief in dir, mit jedem Streit, verblasst die stille Hoffnung – vielleicht, weil du aus einer Familie kommst, in der Scheidungen häufig vorkamen.

Wie subtil diese Muster sein können, wird dir langsam bewusst. Du rechtfertigst dich, indem du sagst, dass du strenger mit deinen Kindern bist, dass du deinem Mann nicht ganz vertraust oder dass es dir schwer fällt, „nein“ zu sagen. Die Leute nicken und das Gespräch geht weiter. Aber unter der Oberfläche liegt so viel mehr - die wahre Freiheit wartet auf dich.

Kehre zu dem zurück, was der Heilige Geist deinem Herzen sagt. Welche nächsten Schritte führt er dich? Sei mutig, denn jeder Schritt nach vorne bringt nicht nur Heilung für dich – er bringt Freiheit für deine ganze Familie. Es gibt Freude die auf dich wartet.

Wenn du jemanden brauchst, der dir zur Seite steht, zögere bitte nicht, uns zu kontaktieren.

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